Wem willst du eigentlich helfen?

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Eine Freundin fragte mich gerade, wie sie einem jungen Tanzanier helfen kann, den sie über Facebook kennen gelernt hat:

Er erzählte mir, dass er 9 Geschwister hat, und nur ihm ist es möglich zu studieren, alle anderen Geschwister haben keine Möglichkeit, jemals eine Schule aufzusuchen, weil es sich die Eltern nicht leisten können. Das geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf. Ich würde ihm gerne helfen. Kannst du mir einen Tipp geben, an wen ich mich da am besten wende?

Das habe ich ihr geantwortet:

Frag dich nicht, wie du diesem einen Tanzanier helfen kannst, sondern wie du Tanzania helfen kannst. Wenn du wirklich helfen willst, schau zuerst, dass du nicht eigentlich nur versuchst, dir selbst zu helfen. Also etwas zu tun, das dir ein gutes Gefühl gibt. Das ist meistens nutzlos oder sogar schädlich.

Wenn du Einzelpersonen hilfst, machst du es oft schlimmer, denn du machst sie abhängig, und du schaffst Ungleichheit vor Ort. Wenn es sich beispielsweise mehr auszahlt, sein Geld in Internetcafés auszugeben, um auf Facebook irgendwelche Kontakte in Europa aufzustellen, statt in eine Ausbildung zu investieren, dann ist das Abhängigkeit.

Statt dessen solltest du Projekte unterstützen, die Strukturen aufbauen, zb. Schulen. Projekte, die Jahre lang weiter wirken, wenn dein Geld nicht mehr fließt. Projekte, wo wenig Geld sehr viel bewirkt.

Wenn dir das zu unpersönlich ist, dann lass das Geld weg und fahre stattdessen selbst nach Tanzania, lerne die Leute kennen und lasse sie dich kennen lernen. Damit veränderst du dich, deine Kinder, dein Umfeld und die Leute, die du dort triffst. Dein Afrikabild und ihr Bild von Europa. Du kannst auch unterrichten, Menschen etwas von dem beibringen, was du gut kannst.

Geld hingegen kann viel kaputt machen, wenn man es nicht sehr vorsichtig einsetzt.

4 comments ↓

#1 Hofrat | Clemens M. Schuster on 12.15.11 at 23:58

Vielleicht liegts auch am Wording: Entwicklungs-Hilfe ist das, was du als Defizit beschreibst. Entwicklungs-Zusammenarbeit ist das einzig sinnvolle und nachhaltige Modell, eben wenn für eine begrenzte Zeit Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt wird.
Auch wäre ich vorsichtig mit deinem Ratschlag, „Projekte zu unterstützen“. Denn nur mit langfristigen, ineinandergreifenden Projekten, die alle Lebensbereiche betreffen, ist das Wirken nachhaltig. Ich meine: Ernährung, Wasser, Gesundheit, Hygiene, Bildung, Life Skills, Kleingewerbekickstart, HIV/Aids usw.

#2 Helge Fahrnberger on 12.16.11 at 0:20

Ja, das Wording ist ein Problem. „Hilfe“ klingt für mich immer ein bisschen nach zu großem Herzen und damit oft falschen Entscheidungen. Aber auch unter „Entwicklungszusammenarbeit“ wird m.E. mehr Geld in problematische Projekte investiert als in richtig gute.

Da muss ich dir widersprechen: „Denn nur mit langfristigen, ineinandergreifenden Projekten, die alle Lebensbereiche betreffen, ist das Wirken nachhaltig.“ Meiner Erfahrung nach sind Projekte am ehesten nachhaltig, wenn sie in gewachsene Strukturen eingebettet sind. Keine europäischen Ideen für afrikanische Projekte. Am besten lokale Projektträger, die einer harten externen Kontrolle unterworfen werden, aber ansonsten ihr Projekt durchziehen können. Nur eine Nische zu beackern, sei es Bildung, Wasser, Gesundheit (wie wir das tun) oder Landwirtschaft, halte ich hingegen für einen Vorteil.

#3 Yilmaz Gülüm on 12.17.11 at 13:44

Sehr schöner Eintrag. Hab ja eine ähnliche Problematik erst gestern zur Ö3-Wundertüte beschrieben (auf Eigenwerbung mittels Link verzichte ich mal, wer mag, findet es auch so)

Probleme, um die es da geht, sind fast immer strukturell- und nicht individuell bedingt. Und ein strukturelles Problem löst man nicht, indem man recht blind Geld verteilt. Im Gegenteil macht man dadurch vieles noch mehr kaputt.
Dieses Video veranschaulicht das gar nicht schlecht (auch wenns Schwachstellen hat) http://www.youtube.com/watch?v=hpAMbpQ8J7g&feature=share&fb_source=message

#4 Sven on 12.28.11 at 11:03

Alles Richtig was in den Rückmeldungen steht. Es ist nicht so einfach das Richtige zu machen, wie ich selber festgestellt habe. Sollte die Leute auch nicht verschrecken und ev. mit heimischen Personen zusammenbringen, die Tansaniaprojekterfahrung haben. Mir ist da Alexander Wostry http://kilimo.org/ eingefallen.
Funktioniert euer Link Amazon noch? Man bekommt irgendwie während des Bestellvorgangs keine Rückmeldung mehr und mit Firefox war beim letzten Mal auch etwas nicht OK.