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FESPACO - die schwarze Diagonale
Text: Alexandra Schwarz, Christina Palnsteiner, Thomas Pruckner
Gegründet wurde das Panafrikanische Filmfestival, genannt FESPACO von Ouagadougou in Burkina Faso, 1969. Seit damals findet das größte afrikanische Filmfestival alle zwei Jahre Ende Februar statt, um die neuesten Produktionen des Kontinents vorgestellt. Dieses Filmfestival hat inzwischen Ausstrahlung in die ganze Welt.Beim ersten Festival 1969 wurden Filme aus gerade fünf afrikanischen Ländern gezeigt, 1999 liefen 150 Filme aus fast allen Ländern des Kontinents.
Dem ermordeten Präsidenten Thomas Sankara ist es übrigens zu verdanken, dass der afrikanische / einheimische Film in Burkina Faso einen solchen Stellenwert bekam. 15% des Einspielerlöses ausländischer Filme musste in einen Fonds für inländische Produktionen eingezahlt werden. Im Zentrum von Ouaga, am "Place des Cineastes", steht das Denkmal der Filmemacher, das wohl einzige seiner Art in Afrika, wenn nicht gar weltweit.
Seit Ende der 60er Jahre nimmt dieser westafrikanische Staat eine cineastische Sonderstellung ein. Damals wurden die Kinos verstaatlicht und damit das Verleihmonopol der Franzosen gebrochen.
Mit den Einnahmen wurde eine nationale Filmförderung eingerichtet sowie eine Reihe von neuen Kinos gebaut. Und seit 1969 findet hier das "Festival Panafricain du Cinema de Ouagadougou" (FESPACO) statt.
Das FESPACO ist das bedeutendste Filmfestival Afrikas und lange Zeit überhaupt der einzige regelmäßige Kultur"event" auf diesem Kontinent. Insgesamt herrschen in Afrika aber triste Produktions- und Vermarktungsbedingungen des afrikanischen Films.
So können selbst auf Festivals wie Cannes und Berlin erfolgreiche Regisseure wegen der fehlenden Finanzierung nur alle paar Jahre einen Spielfilm drehen. Und afrikanische Filme haben zwar eine gewisse Bekanntheit in Europa erreicht, werden aber kaum in den Kinos daheim gezeigt, wo asiatische Karateschinken, indische Liebesfilme und amerikanische Actionstreifen das Programm dominieren. Diese Konkurrenz ist nicht nur beim Verleih viel besser organisiert, sie bietet ihre Filme auch zu Dumpingkonditionen an, da sie ihr Geld ohnehin woanders macht.
Obwohl es mehrere Versuche gab, die Dominanz westlicher Filmfirmen zu brechen, sind überall in Afrika ausrangierte Hollywoodstreifen, KungFu-Filme und indische Schnulzen zu sehen, selten jedoch eigene Filme. Diese laufen - wenn überhaupt - in Europa und den USA. Hier leben auch die meisten afrikanischen Regisseure, und von hier kommt das Geld.
Viele Filme werden vom Kooperationsministerium in Paris finanziert oder von Channel 4 und dem ZDF koproduziert. "Wenn man europäisches Geld haben möchte, dann muss man einen richtig afrikanischen Film machen", kritisiert der Regisseur Nweze Ngangura aus Kongo, "oder vielmehr das, was sich die Europäer darunter vorstellen." Für seinen letzten Film, Pieces d' Identite ("Personalausweis"), sei es schwierig gewesen, Geld zu bekommen, da er nicht in Afrika, sondern in Brüssel spielen sollte.
Obwohl afrikanische Filme beim Publikum durchaus gut ankommen, ist es auch vor allem für die Kinobetreiber günstiger, einen billigen amerikanischen statt einen zwar populären, im Einkauf aber teuren einheimischen Film zu zeigen. Das FESPACO kann nur einen bescheidenen Beitrag zur Vermarktung leisten. So waren etwa eine Reihe afrikanischer TV-Anstalten als Einkäufer präsent, denn das Fernsehen gilt als neuer Hoffnungsmarkt für den afrikanischen Film.
Außerdem werden die Siegerfilme des Festivals subventioniert auf Tournee gehen und in einer Reihe afrikanischer Staaten gezeigt, aber auch europäischen Kinos und Festivals angeboten werden. Das Festival selbst ist ein wichtiges Ereignis für das ganze Land, und die Burkinabe (Menschen in Burkina Faso werden so genannt) sind auch mächtig stolz darauf, für eine Woche gleichsam das Schaufenster Afrikas zu sein. Es kommen ja nicht nur Filmleute und Journalisten aus aller Welt, sondern auch mehr und mehr TouristInnen.
An die 100 Filme werden gezeigt, dazu gibt es Konzerte und Ausstellungen. Das Festival ist sehr professionell organisiert, hat aber noch seinen afrikanischen Charakter bewahrt.
Doch die Widersprüche eines Kulturereignisses in einem der ärmsten Länder Afrikas sind natürlich offenkundig: Vor den Kinos stehen die StraßenverkäuferInnen bei rund 40 Grad Hitze, doch die cineastische Reise quer durch den Kontinent läuft in klimatisierten Sälen - vor einem überwiegend weißen Publikum.
Die afrikanische Filmelite und VIP's aus aller Welt werden mit einer Mercedes-Flotte herumchauffiert, während sich die Burkinabe per Rad oder Moped durch die verstopften Straßen quälen (mit Mundschutz wegen der Abgase).
Während für uns der Festivalpass einen Pappenstiel kostet (eine Woche Kino für umgerechnet 300 Schilling), können viele Einheimische nicht ins Kino, weil sie sich die Eintrittskarte nicht leisten können.
Wenn man so viel auf einmal sehen kann, wird eines klar: Es gibt keinen "afrikanischen" Film, sondern eine Vielfalt von Stilen, geprägt von unterschiedlichen Erzähl- und Sehtraditionen. Als einzig Gemeinsames bleibt, dass das afrikanische Kino nach wie vor ein "Autorenkino" ist, bei dem der/die RegisseurIn im Vordergrund steht.Da auch die bekannteren afrikanischen SchauspielerInnen nur alle paar Jahre Aufträge erhalten, gibt es auch kaum Filmstars, die BesucherInnen verstärkt ins Kino locken.
Aus dem auf dem Festival Gezeigten lassen sich einige aktuelle Trends im afrikanischen Film ableiten. Die "Heimatfilme" der Vergangenheit (z.B. einer der letzten FESPACO-Siegerfilm "Buud Yam"), in denen eine romantisch-verklärende Sicht auf das Landleben und die gute, alte Zeit des "ursprünglichen" Afrika vorherrscht, sind deutlich im Schwinden. Eher werden universelle Themen und Geschichten nach Afrika transferiert. So beispielsweise im Eröffnungsfilm "Genese" aus Mali, bei dem die biblische Geschichte von Esau und Jakob in einem afrikanischen Kontext und als Metapher für die Zerstrittenheit dieses Kontinents neu erzählt wird.
Dass dieser Ansatz auch danebengehen kann, zeigt der Film "Aphrodite" des argentinischen Regisseurs Pablo Cesar. Hier besteht der einzige Afrikabezug nur mehr aus der üppigen Zurschaustellung von schwarzen (Männer)Körpern vor einer exotischen Kulisse - eine neue Form kultureller Ausbeutung, bei der die AfrikanerInnen im Publikum demonstrativ frühzeitig das Kino verließen, während das weiße Publikum noch überwiegend ausharrte.
Deutlich im Vormarsch ist allerdings die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Während hier bei den südafrikanischen Filmen ein harter Realismus vorherrscht (z.B. bei "Sexy girls", einem Actionfilm im städtischen Drogenmilieu), bevorzugen andere Regisseure Ironie und subtile Zeichnung.
So etwa der Mauretanier A. Sissoko im Film "La vie sur terre", der vom Wechsel ins Jahr 2000 in einem afrikanischen Dorf handelt - mit unverkennbaren Anleihen an Jim Jarmusch & Co. Oder der Regisseur des diesjährigen Siegerfilms "Pieces d'Identite", M. D. Ngangura aus dem Kongo, der die Suche eines alternden Königs nach seiner in Belgien verschollenen Tochter erzählt und dabei sehr einfühlsam ein vielschichtiges Bild der jüngeren Vergangenheit beider Länder zeichnet.
Welche politische Brisanz ein Film in Afrika haben kann, verdeutlicht der diesjährige offizielle Beitrag Burkina Fasos, "Silmande". Der Regisseur P. Yameogo hat es geschafft, diese Geschichte über Korruption und Intrigen in höchsten Kreisen mit voller Unterstützung der Regierung zu drehen.
Der auch mit ausländischen Mitteln finanzierte und an Originalschauplätzen (Ministerien) gedrehte Film sollte daraufhin wohl abgesetzt oder zumindest zensuriert werden. Doch er hatte beim Publikum einen derart großen Erfolg, dass die Machthaber den Film (es war Wahlkampf) nicht mehr ohne politischen Schaden absetzen lassen konnten und sogar seine Nominierung als Festivalbeitrag zulassen mussten. Ohne diese Hintergrundinformation erscheint er einem europäischen Kinogeher aber wohl nur als banaler Polit-Krimi.
Links:
» Die Homepage des Festivals: www.fespaco.bf
» Neue Zürcher Zeitung: "Warten aufs Glück - Das Fespaco als Spiegel afrikanischer Befindlichkeit", 14. März 2003
» die tageszeitung: "Ich gehe in ein anderes Blau", 6. März 2003
» die tageszeitung: "Der Nachbarkontinent", 5. Dezember 2002
» die tageszeitung: "Keine Insel in Sicht", 28. August 2001
(Text abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Thomas Pruckner)
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